#40 | «Vordenken statt Verwalten», Roger Oberholzer, Kuble House of Intelligence & Mitinitiator EinstAIn

Wie bereiten wir uns auf eine Arbeitswelt vor, in der KI nicht mehr wegzudenken ist?
In dieser Folge erklärt Roger Oberholzer, Mitinitiator von EinstAIn, warum fundamentales Technologieverständnis wichtiger ist als Tool-Wissen – und warum Antizipation zur entscheidenden Überlebensstrategie wird.Roger Oberholzer, Partner und Academy Lead bei Kuble AG, beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, wie Menschen und Organisationen den KI-Wandel nicht bloss erleiden, sondern aktiv gestalten können. Als Mitinitiator von EinstAIn – dem neuen Thinktank des Verbands Angestellte Schweiz – setzt er auf einen paritätischen Ansatz: Wissenschaft, Unternehmen und Betroffene gemeinsam an einem Tisch, um die Zukunft der Arbeit zu antizipieren, bevor sie einfach passiert. Im Gespräch mit Moderator Christoph Soltmannowski skizziert er, was diese Transformation von früheren Umbrüchen unterscheidet – und warum diesmal die Geschwindigkeit das eigentliche Problem ist.
Grundlagen statt Tool-Hopping
Viele Unternehmen schulen ihre Mitarbeitenden im Umgang mit einzelnen KI-Applikationen. Oberholzer hält das für zu kurz gedacht: Wer nur die Bedienung eines Tools kennt, verliert bei der nächsten Modellgeneration sofort wieder den Anschluss. Entscheidend sei ein grundlegendes Verständnis der Technologie – wie sie funktioniert, wo ihre Grenzen liegen, welche Risiken sie birgt. In den Trainings von Kuble werden deshalb zuerst die Grundlagen vermittelt, bevor konkrete Anwendungen ins Spiel kommen. Das nehme Ängste, erhöhe die Motivation – und schaffe Resilienz gegenüber dem nächsten Wandel.
Die Halbwertszeit von Erfahrung sinkt rapide
Lebenslanges Lernen war schon länger ein Thema – aber seine Dringlichkeit hat eine neue Qualität erreicht. «Ich kann heute etwas testen, finde, das funktioniert nicht. Und in einem Monat ist es bereits gelöst», sagt Oberholzer. Erfahrungen veralten schneller als je zuvor. Das erfordert eine Agilität, die sowohl Individuen als auch Organisationen fordert: Weiterbildung ist keine Aufgabe allein des Arbeitgebers oder des Einzelnen mehr, sondern eine geteilte Verantwortung. Initiativen wie EinstAIn wollen genau diesen Dialog strukturieren – mit Denkanstössen, Szenarien und konkreten Orientierungsangeboten für Angestellte wie für Unternehmen.
Der Videopodcast «AI und Gesellschaft – Wege in die neue Welt», moderiert von Christoph Soltmannowski, wird produziert von der Stiftung Text Akademie. Monatlich erscheinen zwei Folgen, auf Spotify, YouTube und den grösseren Podcast-Plattformen.
Christoph Soltmannowski: Das Thema Künstliche Intelligenz ist längst der Phase der reinen Begeisterung entwachsen. Heute stellt sich eine viel tiefergehende Frage: Wie gestalten wir eine Arbeitswelt, in der KI nicht nur Prozesse beschleunigt, sondern uns als Menschen tatsächlich besser macht? Wie navigieren wir durch eine Transformation, die so rasant verläuft, dass reines Verwalten nicht mehr ausreicht?
Mein heutiger Gast widmet sich genau dieser Schnittstelle zwischen Mensch, Technik und Gesellschaft. Er ist Partner und Academy Lead bei Kuble, dem House of Intelligence, und einer der Köpfe hinter der Initiative «EinstAIn». Herzlich willkommen im Podcast, Roger Oberholzer.
Vordenken statt Verwalten: Die Mission von EinstAIn
Christoph Soltmannowski: Die Initiative EinstAIn hat sich das Motto «Vordenken statt Verwalten» auf die Fahnen geschrieben. Warum ist diese proaktive Haltung in eurer Mission eine so entscheidende Strategie?
Roger Oberholzer: Um das zu beantworten, muss ich kurz auf die Entstehung blicken. Wir sind seit drei Jahren intensiv in der Weiterbildung im öffentlichen Sektor und in Unternehmen tätig. Dabei haben wir gespürt, dass zwar ein enormes Interesse an Bildung und Technologie vorhanden ist, die Frage nach der tatsächlichen Zukunft der Arbeit aber noch zu wenig besprochen wird. Wir reden viel über Tools, aber zu wenig über die Transformation. Antizipation ist hier der Schlüssel. Wir dürfen nicht nur zuschauen; wir müssen Szenarien entwickeln und Know-how aufbauen, um diese Entwicklung aktiv zu meistern.
Christoph Soltmannowski: Unabhängig vom gewählten Szenario – was werden deiner Meinung nach die grössten Hürden in der nahen Zukunft sein?
Roger Oberholzer: Die Geschwindigkeit ist die grösste Herausforderung. Sie führt zu einer weitverbreiteten Orientierungslosigkeit. Selbst wir, die wir uns täglich viele Stunden mit KI beschäftigen, müssen uns anstrengen, am Ball zu bleiben. Wichtig ist daher ein fundamentales Grundverständnis der Technologie. Dieses Wissen hilft dabei, Neuigkeiten einzuordnen, anstatt ihnen nur hinterherzuhecheln. Zudem braucht es eine gewisse Resilienz gegenüber Veränderungen und die Bereitschaft, Dinge selbst auszuprobieren.
Lebenslanges Lernen im Zeitalter der KI
Christoph Soltmannowski: Lebenslanges Lernen ist zwar kein neues Thema, gewinnt aber heute massiv an Bedeutung, oder?
Roger Oberholzer: Absolut. Der Speed ist rasanter und fundamentaler geworden. Früher haben wir durch jahrelange Erfahrung gelernt, doch im Zeitalter der Intelligenz ist die Halbwertszeit dieser Erfahrungen extrem gering. Was heute nicht funktioniert, kann in einem Monat bereits gelöst sein. Man muss agiler werden und die eigenen Erfahrungen ständig hinterfragen.
Christoph Soltmannowski: Das ist eine enorme Herausforderung. Kaum hat man sich in ein Modell eingearbeitet, kommt das nächste um die Ecke.
Roger Oberholzer: Genau deshalb ist es entscheidend, fundamentales Know-how statt reinem Tool-Wissen zu entwickeln. KI ist keine klassische Software, sondern eine völlig neue Art zu arbeiten. Wenn wir die Menschen nur auf Tools wie den Copilot schulen, erreichen wir oft weder ihre Köpfe noch ihre Herzen. Erst wenn sie die fundamentale Transformation verstehen, fangen sie an, aktiv damit zu spielen und die Angst zu verlieren. Psychologisch gesehen wollen wir von einer lähmenden Angst hin zu einem aktivierenden Handeln kommen.
Der Arbeitsmarkt und die Rolle des Menschen
Christoph Soltmannowski: Die Reaktionen sind verschieden: Euphorie trifft auf Skepsis. Wie schätzt du die Lage auf dem Arbeitsmarkt ein?
Roger Oberholzer: Die Wahrheit liegt oft in der Mitte. Es gibt Experten, die den Wegfall von 50 % der Einstiegsjobs prognostizieren, und andere, die glauben, dass durch neue Möglichkeiten sehr viel mehr neue Jobs entstehen werden. Es gibt keinen Konsens. Wir plädieren für Szenarien-Denken, um sich ohne emotionale Extreme vorzubereiten.
Christoph Soltmannowski: Braucht es Regulierungen, um sicherzustellen, dass KI dem Menschen dient und nicht nur zur Kostenersparnis genutzt wird?
Roger Oberholzer: Regulierung ist notwendig, aber schwierig. Die Schweiz fährt bisher eine gute Strategie, indem sie bestehende Gesetze anpasst, anstatt übereilt riesige neue Regelwerke zu schaffen. Wir können aus den Fehlern anderer lernen. Die Herausforderung ist jedoch das Timing: Die technologische Entwicklung ist oft schneller als der politische Prozess.
Christoph Soltmannowski: Unsere Rolle als Mitarbeitende verändert sich massiv. Werden wir zu reinen Qualitätskontrolleuren?
Roger Oberholzer: Wir rücken stärker in die Rolle von Orchestratoren, die Fragen formulieren und Ergebnisse überprüfen. Ob das mental erfüllend ist, bleibt eine grosse Frage. Im Idealfall nutzen wir die gewonnene Produktivität für neue Dienstleistungen oder widmen uns mehr dem sozialen Umfeld und kreativen Projekten. Es gibt diese schöne Utopie der Zeit für Spiritualität und Gemeinschaft. Rational ist das vielleicht kein wahrscheinliches Szenario, aber als Wunschbild sollten wir es im Blick behalten.
Verantwortung und Bildung
Christoph Soltmannowski: Wer ist für die Weiterbildung verantwortlich? Die Arbeitgeber oder jeder Einzelne?
Roger Oberholzer: Es ist eine gemeinsame Verantwortung. Man kann die Verantwortung für die eigene Zukunft nicht einfach ans Unternehmen delegieren. Gleichzeitig müssen wir in der Schweiz den Dialog zwischen Arbeitgebern, Arbeitnehmerorganisationen wie «Angestellte Schweiz», Politik und Forschung suchen. Bei EinstAIn wollen wir diese Diskussionen bündeln und Wissen kuratieren, da nicht jeder die Zeit hat, täglich alle neuen Studien zu lesen.
Christoph Soltmannowski: Wo siehst du den grössten Handlungsbedarf im Bildungssystem?
Roger Oberholzer: Wir dürfen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. In Schulen und Hochschulen fehlen oft noch die Kompetenzen für die Transformation durch KI. Wir müssen das Wissen skalieren, etwa durch Konzepte wie «Train the Trainer». Der Föderalismus macht uns zwar stabil, aber im Vergleich zum Tempo der Technologie oft zu langsam.
Unternehmenskultur und Soft Skills
Christoph Soltmannowski: Oft wird KI als reines IT-Thema betrachtet. Ist das ein Fehler?
Roger Oberholzer: Absolut. Wenn Unternehmen nur Lizenzen kaufen und eine E-Mail verschicken, fehlt die Strategie und die Begleitung. Führungskräfte müssen sich der Unsicherheit stellen und gemeinsam mit den Mitarbeitenden eine Haltung definieren. Verbote sind meist der falsche Weg; man muss sich aktiv damit beschäftigen, ohne den Verstand auszuschalten.
Christoph Soltmannowski: Welche menschlichen Fähigkeiten werden in Zukunft besonders wichtig sein?
Roger Oberholzer: Methodenkompetenz wird wichtiger als reines Fachwissen. Gleichzeitig brauchen wir soziale Fähigkeiten als Gegengewicht: Empathie, Philosophie und Naturverbundenheit. Es besteht die Gefahr einer weiteren sozialen Vereinzelung durch KI-Interaktion. Andererseits können Chatbots etwa Senioren bei Einsamkeit helfen oder einen niederschwelligen Zugang zu Mental-Health-Themen bieten. Die Ambiguität dieser Technik ist sehr relevant.
Ausblick
Christoph Soltmannowski: Wie geht es mit EinstAIn nun weiter?
Roger Oberholzer: Wir sind gerade in der Launch-Phase. Wir wollen Entscheider zusammenbringen, die einen gesellschaftlichen Impact haben, sind aber offen für alle, die Ideen und Erfahrungen einbringen möchten. In der nächsten Phase wollen wir konkrete Handlungsempfehlungen für verschiedene Szenarien entwickeln. Ich möchte lieber vorbereitet sein, auch wenn der Impact am Ende vielleicht weniger dramatisch ausfällt als gedacht.
Christoph Soltmannowski: Ein spannender Prozess. Vielen Dank für diesen Einblick, Roger Oberholzer.
Roger Oberholzer: Vielen Dank für die Einladung.


