#39 | AI und Sprache: Demokratisierung oder Verflachung? | Gast: Barbara Schwede, Kommunikationsexpertin

In dieser Folge des Podcasts «AI und Gesellschaft – Wege in die neue Welt» diskutiert Moderator Christoph Soltmannowski mit der Strategie-Expertin Barbara Schwede über die tiefgreifenden Veränderungen unserer Sprache durch Artificial Intelligence (AI oder KI, Künstliche Intelligenz). Während die Technologie den Zugang zur schriftlichen Kommunikation demokratisiert, warnt die Expertin vor einem schleichenden «sprachlichen Einheitsbrei» und dem Verlust kultureller Identität.
Die Sprache ist das Betriebssystem unserer Gesellschaft. Doch was passiert, wenn dieses System zunehmend von Algorithmen umgeschrieben wird? Barbara Schwede, Dozentin und Inhaberin einer Agentur für digitale Strategie, blickt im Gespräch mit Moderator Christoph Soltmannowski auf eine Entwicklung, die weit über blosse Effizienzsteigerung hinausgeht.
KI fungiert heute in erster Linie als Werkzeug der Demokratisierung. Menschen, denen es bisher schwerfiel, Gedanken präzise zu strukturieren oder komplexe Sachverhalte zu formulieren, erhalten durch KI-Tools eine Stimme, die «perfekt geschliffen» klingt. Diese Inklusion ermöglicht eine breitere Teilhabe an öffentlichen Diskursen und baut Barrieren ab.
Doch diese neue Leichtigkeit hat ihren Preis: den Verlust der Einzigartigkeit. Schwede beobachtet eine zunehmende Vereinheitlichung. KI-Texte folgen oft den gleichen Mustern: typische Bulletpoints, Dreierfiguren bei Adjektiven und ein immer ähnlicher werdender Aufbau. Die Expertin geht sogar so weit, dass sie ihren eigenen Schreibstil anpasst, um nicht nach «Maschine» zu klingen – so verzichtet sie mittlerweile zum Beispiel bewusst auf Bindestriche, weil diese für sie heute nach einem typischen KI-Duktus aussehen.
Ein zentraler Kritikpunkt im Podcast ist der Umgang mit der Verantwortung. Die Perfektion der KI-Outputs verleitet dazu, in einen «geistigen Schlummermodus» zu verfallen; Texte werden unreflektiert übernommen.
Hier zieht Barbara Schwede eine klare rote Linie: «Solange mein Name unter einem Text steht, muss ich dafür einstehen können».
Die Verantwortung für Fakten und die ethische Einordnung bleibt eine rein menschliche Domäne. Besonders in der Krisenkommunikation oder bei juristischen Themen sei menschliche Kontrolle absolut unerlässlich.
Gutes Texten bleibt Handarbeit
Für die Medienbranche und die Unternehmenskommunikation bietet KI enorme Chancen zur Automatisierung repetitiver Aufgaben, wie etwa die Aufbereitung von Inhalten für verschiedene Kanäle oder einfache Übersetzungen. Dennoch bleibt gutes Texten laut Barbara Schwede Handarbeit: Tiefgehende Recherche, das Einfühlen in emotionale Kontexte und eine klare Haltung lassen sich (noch) nicht durch Wahrscheinlichkeitsberechnungen ersetzen.
Marken stehen vor der Herausforderung, trotz KI-Unterstützung ein eigenes Profil zu behalten. Während KI häufig Ecken und Kanten «weichspült», entsteht Aufmerksamkeit gerade durch humorvolle Stolpersteine oder dialektale Feinheiten – Elemente, bei denen die KI oft versagt.
Verflachung droht
Besorgniserregend ist laut Schwede die kulturelle Verflachung. Da viele Modelle auf englischsprachigen Daten basieren, gehen lokale Referenzen, spezifische Sprichwörter und die spielerische Freude an der Sprache oft verloren. «Ich habe manchmal das Gefühl, der Spaß an der Sprache geht ein bisschen verloren», so Schwede im Podcast.
Die Zukunft der Sprachberufe sieht Schwede in einer massiven Konsolidierung. Während das Auftragsvolumen für einfache Übersetzungen bereits radikal auf ein Zehntel geschrumpft ist, gewinnen strategische und kuratorische Fähigkeiten an Bedeutung. Die Rolle des Menschen wandelt sich vom reinen Texter zum kritischen Kurator, der den Output der Maschine steuert, prüft und mit individueller Kreativität veredelt.
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